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  Stuttgart 21 verärgert landesweit die Bevölkerung (Gemeldet: 09.09.10 06:11 Uhr)
(Baden-Württemberg) - Lange hat Stuttgart 21 fast niemanden im Land interessiert. Doch die Nachrichten über steigende Kosten und die Bilder von Demonstrationen machen nun auch die Bürger in den entfernteren Landesteilen nachdenklich. Für besonderen Zündstoff sorgt ein neues Gutachten, das nun von Gesamtkosten von mehr als 18 Milliarden Euro ausgeht. Politiker fürchten um ihre Wiederwahl.
Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) bleibt auf seinem Kurs: "Ihr müsst die Leute nicht anlügen", faucht er auf seiner Sommertour harsch eine ältere Dame in Tübingen an, die ihm gegenüber den Stopp der Abbrucharbeiten forderte. Das Wort der Lüge wiederholte der Regierungschef.
Auch wenn der Ministerpräsident sich unnachgiebig zeigt, regt sich immer mehr Widerstand im Land. In Tübingen wird wöchentlich zum lauten "Schwabenstreich" gegen das Milliardenprojekt aufgerufen, in Reutlingen wurde zu einem Schweigemarsch geladen. "Wenn ich ein Haus bauen will und merke, dass es doppelt so teuer wird wie geplant, ich aber noch dazu nur noch die Hälfte verdiene, dann baue ich eben nicht", sagen Mitglieder der CDU, die sich davor fürchten ihren Namen öffentlich zu nennen.
Lange gab es in der Kurpfalz kein großes Interesse an Stuttgart 21. Doch jetzt stehen Maßnahmen am länderübergreifenden, zentralen Bahnknoten Mannheim auf den Spiel. mit der IC-Strecke und der Modernisierung werde es nun wohl nichts mehr. Bei einem Mitgliederfest der SPD am vergangenen Wochenende sei "an allen Tischen heftig und kritisch über Stuttgart 21 diskutiert worden", hört man aus der Partei.
Der Heidelberger SPD-Bundestagsabgeordnete Lothar Binding hat bereits Anfang August vor "großen Problemen" bei der Finanzierung des Projekts Stuttgart 21 gewarnt. "Es ist nicht möglich, dass eine Milliardenausgabe in dieser Dimension für ein einziges Tiefbauprojekt im Rest des Landes keine Auswirkungen hat", erklärte er und befürchtet, dass dem Projekt auch "unendlich viele kleine soziale, kulturelle und sportliche Projekte und andere wichtige Investitionen zum Opfer fallen".
Der Heidelberger SPD-Kreisverband hat Stuttgart 21 von Anfang an kritisch betrachtet und bereits im Jahr 2007 abgelehnt. "Auch heute gibt es aus meiner Sicht gute, sachliche Gründe, um das Projekt noch einmal zu überdenken", meint die SPD Gemeinderats-Fraktionsvorsitzende und Landtagskandidatin Anke Schuster.
Im Kern hört man aus Südbaden auch nichts Anderes. "Geld, das dort verbuddelt wird, fehlt am Oberrhein", sagt zum Beispiel Axel Mayer, Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz. "Wir bräuchten aber die neue Bahntrasse zwischen Karlsruhe und Basel ganz dringend, und zwar menschen- und umweltfreundlich gestaltet." In der SPD rumort es in der Region vernehmbar. Hinter vorgehaltener Hand wird berichtet, dass alle südbadischen Landtagsabgeordneten verheerende Auswirkungen bei der Landtagswahl 2011 erwarten.
Pünktlich zum Ende der Sommerpause haben die Grünen in Ulm mit politischen Widerstandshandlungen begonnen. Der Protest soll noch schärfer werden, enthält aber eine Einschränkung. Jürgen Filius, der Kreisvorsitzende der Grünen, ist für die Schienenneubaustrecke Ulm-Wendlingen. Das Projekt müsse entkoppelt werden von der Bahnhofsfrage.
Keine Demonstrationen am Bodensee, keine Zusammenrottungen, kaum Pamphlete gegen Stuttgart 21, aber trotzdem viel Zorn. Das ist die Situation zwischen Friedrichshafen, Überlingen, Singen und Konstanz. Die Menschen erleben, wie ihnen der tägliche Stau in Nord-Süd und Ost-West-Richtung wertvolle Stunden raubt, wie seit Jahrzehnten von Politikern mit dem Finger aufs zögerliche Berlin gezeigt und mit dem Geldmangel argumentiert wird, nichts vorangeht, um auch nur die nötigsten Straßen nach der Streichung fast sämtlicher Autobahnplanungen Ende der 70er Jahre auszubauen. Die Befürchtungen sind groß, dass nun über noch längere Zeit nichts mehr geht.
Mit Andreas Brand (Freie Wähler), dem 2009 neu gewählten Oberbürgermeister von Friedrichshafen, verschärfte sich die Form des Protests. Zurzeit ist er nicht gut auf Stuttgart 21 zu sprechen. Ein ausgebauter Teil der B 30 endet von Norden herführend bei Ravensburg in einem Acker. Auch die B 31 endet bei Überlingen im Nirgendwo und eine Finanzierung ist nicht absehbar. Das Selbe gelte für die Elektrifizierung der Südbahn.
 
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